Interpretation ist so viel mehr, als Piano und Forte. Ohne eine eigene, spezielle und sorgfältige Interpretation bleibt ein Chor weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die Interpretation eines Songs zeigt, wie WIR das Lied meinen, es empfinden und welche Schwerpunkte wir setzen als Chor. Stellen wir den Ryhthmus heraus? Oder die Bedeutung des Textes? Sehen wir in der Aussage eher die Hoffnung auf das Neue oder doch die Trauer über den Verlust des Alten?

Interpretation ist eine der kreativsten Aspekte von Chormusik. Wir wollen ein Lied ja nicht singen, wie Chor XY, sondern so, wie es uns entspricht. 

Ich erlebe immer wieder, dass dieser Aspekt schmählich vernachlässigt wird. Ich weiß auch, warum! Aus Sicht vieler Chorleiter*innen sieht es so aus: Wenn der Chor sich nicht mal an der einen Stelle merken kann, dass wir da leise singen wollen – wie soll er sich dann eine komplexe Interpretation merken? Sie lösen das dann über ihr Dirigat, was auch ganz okay funktioniert. Aber eben nur „ganz okay“.

Emotionale Gestaltung

Wer singt dieses Lied? Warum, was ist passiert? Wie ist der emotionales Verlauf während des Stückes? Wie fühlt sich der Erzähler? Ist er männlich oder weiblich? Wo befinden sich Höhepunkte? Wo wird es dramatisch und wo zart und sanft? Um die emotionale Bedeutung und vor allen Dingen auch den emotionalen Verlauf eines Songs zu verstehen, benötigen wir einiges an Hintergrundinformation. Insbesondere die Übersetzung und Bedeutung des Textes sind da wichtig – aber auch Ursprung und Geschichte. Es steht uns frei, unsere eigene Bedeutung in die Musik hinein zu interpretieren! Dazu ist sie da. Es gibt kein richtig und falsch – nur KEINE Bedeutung wäre wirklich nicht akzeptabel.

Dies ist ein Video aus dem Tutorial-Abo zum Thema. Wenn du mehr über die emotionale Gestaltung, Mimik und Körpersprache wissen möchtest, findest du hier mehr Ideen und Inhalte:

—> emotionales Singen

--> Workshop: Mehr Ausstrahlung, aber wie?

 

Sprachgestaltung

Wenn die Emotionen des Stückes klar sind, unterstützen wir diese durch die Gestaltung der Sprache. Welche Silben werden betont, welche werden unbetont gesungen? Schleifen wir einen Ton von unten an? Singen wir ein besonders ausgeprägtes Legato an dieser Stelle? Beginnen wir mit einem harten Glottis-Schlag? Oder mit einem weichen Einstieg? Wir notieren die Gestaltung der Sprache in den Noten direkt am Text. Wenn du magst, schau dir mal das Video rechts an – dort erfährst du, wie es geht. Wenn du für deinen Chor andere Elemente der Sprachgestaltung verwendest, kannst du dafür natürlich auch andere Zeichen verwenden.

 

Musikalische Gestaltung

Die musikalische Gestaltung ergibt sich zum größten Teil aus Textbedeutung, Sprachgestaltung und Emotion. Sie sollte immer mit diesen Dingen eine Einheit bilden, um die Aussage zu verstärken und auch, um es den SängerInnen leichter zu machen. Es ergibt sich fast von selbst, dass „zärtlich“ leise gesungen wird und „enthusiastisch“ laut. Sobald die SängerInnen „im Plan“ sind, werden sie das so auch nicht mehr vergessen.

Es gibt natürlich Fälle, in denen sich die Interpretation stark an der musikalischen Gestaltung orientieren muss! Wenn die Musik sehr expressiv und ausdrucksstark ist, muss man dazu passende Emotionen und Sprachgestaltungen finden.