Was verursacht Dauerstress in unseren Gruppen?

Ich denke im Augenblick viel darüber nach, warum es in manchen Gruppen so viel Stress gibt und was man dagegen tun kann. Ich selbst habe mit meinen zurückliegenden Gruppen-Erfahrungen im Chor eine Menge Schwierigkeiten durchlebt. Es hat ein paar Jahre gedauert bis ich verstanden habe, wo die Gemeinsamkeiten der Konflikte liegen. 

Seitdem ich in meinen Gruppen diese Schwierigkeiten nun nicht mehr habe, fällt mir der Unterschied besonders auf. Außerdem ist es ja so, dass sich Probleme auch einschleichen können in eigentlich gut funktionierende Gruppen. Um das zu verhindern möchte ich wachsam sein und die ersten Anzeichen erkennen, damit ich gegensteuern kann.

Systemischer Stress oder situationsbezogener Stress

In diesem Zusammenhang meine ich übrigens systemischen Stress. Ich spreche nicht von Konflikten, die sich auf spezielle Situationen beziehen. Wenn sie sich lösen lassen, gehören sie einfach dazu und verbessern sogar den Wohlfühlfaktor innerhalb der Gruppe. 

Konflikte, die nicht gelöst werden können, haben die Tendenz, chronisch zu werden. Oder mit meinen Worten gesagt: systemisch. Es entwickeln sich Automatismen, die diese Konflikte in gleicher oder ähnlicher Form immer und immer wieder entstehen lassen. Kennst du die Situation, dass du eigentlich schon genau weißt, wer gleich was sagen wird und sich Konflikte eigentlich nach Schema F eintwickeln? Genau diese Konflikte meine ich.

Diese Art von Konflikten können extrem frustrierend sein. Wir fühlen, dass sie sich schon so weit verfestigt haben, dass wir nicht mehr so einfach da raus kommen. Das führt dann dazu, dass viele denken „Ich sage dazu nichts mehr“. Oft ziehen sich die engagiertesten SängerInnen zurück und nehmen eine eher passive Rolle ein, da sie den Stress leid sind und nicht selten auch persönlich im Fokus stehen und angegriffen werden.

Wie kommt es zu so einem Dauer-Stresslevel?

Ich behaupte nicht, dass es nur eine Antwort darauf gibt! Es kann sein, dass der Gruppe momentan einfach die Ziele fehlen und sich die Kräfte daher nicht bündeln, sondern nach innen richten und Chaos anrichten. Oder der Grund liegt in der Fehlbesetzung einer wichtigen Person im Chor: Vielleicht mangelt es Vorstand oder Chorleitung an Führungskompetenzen. Dies und mehr kann den Konflikt befeuern. Der eigentliche Grund aber ist meiner Ansicht nach folgender:

Wir wissen nicht, wie wir unsere Individualiät mit der Notwendigkeit vereinbaren sollen, sich in Gruppen einzuordnen. Wir haben es einfach nicht gelernt. Von uns wollte man immer nur, dass wir zur Schule/ zum Sportverein/ zum Klavierunterricht gehen, die Klappe halten, tun, was von uns verlangt wird und ansonsten unauffällig sind und uns unterordnen. Dann kam die Zeit, in der wir das nicht mehr mitmachen wollten. Wir haben uns gewehrt, gingen unseren eigenen Weg und sagen seitdem unsere Meinung. Und dort stehen wir gerade: Wir empfinden es als Widerspruch, sich in eine Gruppe einzuordnen und gleichzeitig die eigene Individualität zum Ausdruck zu bringen.

An dieser Front kämpfen wir nun: Diejenigen, die sich selbst zu wichtig nehmen gegen diejenigen, die (zu viel) Unterordnung fordern.

Wie können wir beide Bedürfnisse besser ausbalancieren?

Zunächst einmal: der Beitritt zu einem Chor ist eine freie Entscheidung. Niemand zwingt uns und wenn wir nicht mehr wollen, können wir gehen. Das Problem entsteht durch drei Faktoren:

  1. Die Gruppe formuliert nicht, welche Regeln gelten – und wenn doch, dann hat sie Schwierigkeiten, diese auch durchzusetzen. Jedes Mitglied sollte vor Eintritt wissen, welche Werte gelten, was erwartet wird und was passiert, wenn man sich nicht an die Regeln hält. Diese Konsequenzen sollten unbedingt auch folgen, damit sich diese Gruppen-Regeln auch etablieren können und nicht sofort unterwandert werden.
  2. Einzelne bringen ihre persönlichen Wertvorstellungen mit und wenden sie auch in der Gruppe an. „Ich finde aber“, „Ich fühle mich unter Druck gesetzt“, „Ich trage aber kein Grün“, „Da hat aber meine Oma Geburtstag“… So muss sich die Gruppe ständig mit den unterschiedlichsten Erwartungen auseinandersetzen und der Dauerstress nimmt seinen Anfang.
  3. Niemand will die Gruppe verlassen 

Wenn diese drei Punkte gleichzeitig zutreffen, ist das Dilemma besonders groß. Es entstehen Machtkämpfe zwischen den Einzelnen. Es müssen dringend Gruppenregeln definiert und durchgesetzt werden, damit die Machtverhältnisse klar sind. Denn nochmal: Jeder ist freiwillig in der Gruppe! Entweder, ich unterstütze die Regeln und stimme zu, oder nicht. Im zweiten Fall suche ich mir einen anderen Chor.

Fallstricke

Warum tun das so wenige Gruppen? Ganz einfach: Sie wollen keine SängerInnen gehen lassen. Diese Bereitschaft müssten sie aber haben, wenn sie die Gruppe gesunden lassen wollen. Solange sie „auf den einzigen Bass“ oder „den sicheren Alt“ nicht verzichten wollen, sind sie erpressbar und genau dieser Bass und dieser Alt können den Spieß leicht wieder umdrehen und die Bedingungen stellen, zu denen sie bereit sind, der Gruppe ihre Stimme zur Verfügung zu stellen.

Und was ist nun mit der Individualität?

Lasst uns innerhalb der Gruppe gleiche Regeln befolgen – aber die Unterschiedlichkeit der Persönlichkeiten feiern! Es ist gut, wenn es wenige aber feste Regeln gibt. Drumherum bleibt viel Platz für das Ungewöhnliche und Individuelle. 

Welche Regeln könnten das sein?

Jede Gruppe ist unterschiedlich und es können komplett unterschiedliche Regeln gelten! Als Beispiel hier unsere Stage-Club-Regeln

  1. Jede Sängerin nimmt sich außerhalb der Probe eine halbe Stunde pro Woche Zeit, um eine konkrete Übung als Hausaufgabe zu machen 
  2. Hausaufgaben werden auch hin und wieder eingereicht, als Ton- oder Videoaufnahme
  3. Wir unterstützen andere wohlwollend und wertschätzend auf ihrem Lernweg
  4. Wir unterstützen andere applaudierend und jubelnd in ihrem Selbstausdruck
  5. Die Präsenzproben sind verpflichtend, während Online-Proben zu beliebigen Zeiten angeschaut und bearbeitet werden können
  6. Wenn Mehrheitsentscheidungen getroffen werden, wird das Ergebnis von allen akzeptiert und unterstützt
  7. Wenn wir mal von diesen Regeln abweichen haben wir in jedem Fall die Absicht, wieder dorthin zurück zu kehren

Und was tun, wenn es trotzdem hakt?

Sollte es dennoch Probleme mit einzelnen Mitgliedern geben ist es meiner Ansicht nach Aufgabe der Gruppenleitung, diese Personen einzeln um ein Gespräch zu bitten und das jeweilige Problem zu erörtern. Die zwei Fragen am Ende sind immer: 1. Wann wirst du wieder zu unseren Gruppenregeln zurückkehren und 2. Wann sollen wir wieder sprechen?

Sollte sich nichts ändern, muss von Seiten des Sängers oder der Sängerin eine Entscheidung getroffen werden. Es ist wiederum Aufgabe der Gruppenleitung dieses Gespräch zu führen. „Ulf, wir haben ja nun einige Male gesprochen aber du scheinst nicht zufriedener zu sein und das färbt langsam auf die Gruppe ab. Ich glaube, es steht bei dir eine Entscheidung an“.

Die Überraschung!

Wer mutig genug ist, diesen Weg zu gehen, wird mit sehr zufriedenen SängerInnen belohnt! Da der Dauerstress nachlässt, kommt es zu mehr Harmonie in der Gruppe. Und genau das ist es, was sich alle wünschen! Leider ist der Weg dorthin gelegentlich etwas steinig und wir müssen hin und wieder unsere eigenen Verhaltensmuster überdenken.

Aber es lohnt sich!